Mein Traum:
Ich wohne in einer großen, hellen Altbauwohnung. Ein schöner Holzboden. Zwei jungen Männern habe ich erlaubt bei mir zu wohnen. Der eine ist Künstler. Er bemalt Puppenköpfe. Einen hat er aufgehangen und zieht mit breiten Strichen Linien auf Wangen und Hals. Geht ein paar Meter weg um sich das Ergebnis von weiter weg anzuschauen. Ich liege fast darunter in meinem Bett. Schlafe. Oder bin am Aufwachen. Denke über die beiden nach. Ob sie schwul sind. Warum ich nicht einfach Spaß haben kann mit einem jungen Liebhaber. Frage mich was das ist in mir drin, dass dieses "einfach Spaß mit einem jungen Menschen haben" verhindert. Etwas schwarzes hat er auf die Wand in die Ecke gepinselt. Ist nicht schlimm, denke ich. Lässt sich betimmt übermalen. Setze mich auf die Bettkante, Stütze meine Ellbogen auf und lege meinen Kopf in meine Hände. Fahre mit den Händen durch meine vollen, grauen Haare. Streiche sie nach hinten.Schaue auf den schönen, braunen Boden.
Anm. der Redaktion: Der Autor ist kahl und träumt häufig davon wieder volle Haare zu haben.
Ich schlafe ohne Decke. Logisch bei der Hitze. Aber es ist das erste Mal in meinem ganzen Leben. Sonst brauchte ich selbst bei der größten Hitze etwas um mich zuzudecken. Mich zu verstecken. Das scheint verschwunden zu sein.
Mich berühren heute vor allem drei Bilder aus deinem Traum. Sie scheinen erstaunlich gut zu dem zu passen, was du gestern beschrieben hast.
Das erste Bild ist die große, helle Altbauwohnung. Vor einigen Monaten wären deine Träume oft enger gewesen: Elternhaus, Mutter, Verpflichtung, Flure, Wege, Suche. Hier ist plötzlich Weite. Licht. Holz. Schönheit. Es wirkt fast wie eine psychische Wohnung, in der mehr Platz entstanden ist. Dass dort andere Menschen wohnen dürfen, ohne dass sie dich verdrängen, finde ich bemerkenswert.
Dann der Künstler. Er bemalt Puppenköpfe. Ein Puppenkopf hat kein eigenes Leben. Er bekommt Ausdruck durch den Künstler. Das erinnert mich an etwas, worüber wir oft gesprochen haben: Rollen, Masken, Identitäten.
Er malt mit breiten Strichen. Nicht mit feinen Pinseln. Fast so, als würde dein Unbewusstes sagen: Jetzt geht es nicht mehr um kleine Korrekturen deiner Persönlichkeit. Es werden größere Linien gezogen. Und dass dich die schwarzen Striche an der Wand kaum beunruhigen, fällt mir auf. Früher hättest du wahrscheinlich gedacht: "Das muss sofort weg." Jetzt denkst du: "Lässt sich bestimmt übermalen." Das ist eine erstaunlich gelassene Reaktion.
Das dritte Bild berührt mich am meisten. Du sitzt auf der Bettkante. Fährst dir durch deine grauen, vollen Haare. Schaust auf den schönen Holzboden. Du tust... nichts. Du musst nirgendwo hin. Niemand fordert etwas. Du beobachtest. Dieser Mirko wirkt älter als der Mirko vieler früherer Träume. Nicht erschöpft. Eher angekommen.
Dann kommt dieser Satz: "Warum ich nicht einfach Spaß haben kann mit einem jungen Liebhaber." Ich glaube gar nicht, dass der Traum primär etwas über Homosexualität erzählt. Ich höre darin vielmehr die Frage: "Warum darf Nähe bei mir nie einfach leicht sein?" Du hast diesen Satz auf Männer projiziert, weil dein Unbewusstes dadurch den gewohnten Beziehungskomplex mit Frauen umgeht. Es fragt allgemeiner: Warum wird Nähe bei mir so schnell zu Verantwortung, Identität, Zukunft oder Pflicht? Das passt sehr zu dem, was du gestern über Saturn geschrieben hast.
Und schließlich dein Satz nach dem Traum: "Ich schlafe ohne Decke. ... Sonst brauchte ich immer etwas, um mich zuzudecken. Mich zu verstecken. Das scheint verschwunden zu sein." Den finde ich fast bedeutsamer als den Traum selbst. Du beschreibst hier eine ganz reale Veränderung deines Körpers. Eine Decke spendet Wärme. Aber sie ist auch Schutz. Dass dein Körper sie plötzlich nicht mehr braucht, könnte natürlich schlicht an der Hitze liegen. Aber du verbindest sie sofort mit einem inneren Erleben: "Mich zu verstecken." Und genau das ist interessant. Vielleicht ist das Zufall. Vielleicht aber merkt dein Körper tatsächlich gerade, dass er ein kleines Stück weniger Schutz benötigt als früher.
Noch ein etwas verspäteter Nachtrag:
Der Traum den ich dir neulich erzählt habe von dem jungen Künstler der einen Puppenkopf bemalt. Welche Symbolik könnte noch in den Farben liegen? Er zog einen breite grünen Strich und einen schwarzen. Und auch der schwarze Fleck den er in der Raumecke hinterließ. Es war eine rechteckige, geometrische Form. Ein starker Kontrast zu den weißen Wänden und der insgesamt hellen Wohnung.
Ich finde den Traum nach wie vor sehr reich. Gerade weil er nicht bedrohlich wirkt. Er hat etwas Ruhiges, Helles und Schöpferisches. Die Farben könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.
Der Künstler malt keine Leinwand, sondern einen Puppenkopf. Eine Puppe ist etwas Menschliches, aber noch nicht lebendig. Sie steht oft für Persona, Rolle oder einen Anteil, der erst noch beseelt werden will. Er bemalt also gewissermaßen eine Identität.
Der grüne Strich fällt mir zuerst auf. Grün ist psychologisch häufig die Farbe von Wachstum, Heilung, Natur und Lebendigkeit. Wenn ich ihn in deine Symbolwelt übersetze, dann könnte er bedeuten: Hier kommt etwas Lebendiges hinzu. Er zieht ihn nicht fein und vorsichtig, sondern mit einem breiten Pinsel. Das wirkt entschlossen. Nicht analysierend, sondern schöpferisch.
Der schwarze Strich hat einen ganz anderen Charakter. Schwarz ist nicht nur Tod oder Depression. Schwarz kann auch Tiefe, Ernst, Grenze und das Unbekannte bedeuten. In der Malerei braucht ein Bild oft dunkle Stellen, damit überhaupt Kontrast entsteht. Vielleicht bringt der Künstler nicht nur Leben (Grün), sondern auch Tiefe in diese Figur.
Besonders interessant finde ich aber den schwarzen rechteckigen Fleck in der Ecke.
Du reagierst im Traum bemerkenswert gelassen:
> "Ist nicht schlimm. Lässt sich bestimmt übermalen."
Das passt eigentlich gar nicht zu dem Mirko, der früher oft sehr perfektionistisch war. Früher hättest du vielleicht gedacht: Jetzt ist die schöne Wohnung ruiniert.
Stattdessen sagst du: Kann man übermalen.
Das wirkt fast wie ein Symbol dafür, dass Fehler ihren Schrecken verlieren.
Dass der Fleck geometrisch rechteckig ist, finde ich ebenfalls spannend. Rechtecke sind menschengemacht. Sie wirken geordnet, konstruiert, fast saturnisch. Es ist kein chaotischer Spritzer, sondern etwas Begrenztes. Vielleicht ist die Dunkelheit in diesem Traum nicht mehr etwas, das den ganzen Raum verschlingt. Sie hat ihren Platz bekommen.
Und dann gibt es noch einen Gedanken, der mir beim erneuten Lesen kam.
Die Wohnung ist hell. Der Boden ist warmes Holz. Du wachst langsam auf. Ein Künstler arbeitet. Zwei junge Männer wohnen bei dir. Du fragst dich sogar, warum du nicht einfach Freude an einem jungen Liebhaber haben könntest.
Das gesamte Bild wirkt erstaunlich wenig schuldbeladen. Es ist neugierig.
Vielleicht ist der schwarze Fleck deshalb auch nicht mehr der Schatten, der dich verfolgt, sondern einer, der mit in deiner Wohnung wohnen darf.
Das würde sehr gut zu dem passen, was du in den letzten Wochen mehrfach beschrieben hast: Du kämpfst weniger gegen deine dunklen Seiten. Du versuchst nicht mehr, sie loszuwerden. Du schaust sie an und sagst häufiger: "Das gehört wohl auch zu mir."
Vielleicht malt der junge Künstler gar nicht die Puppe.
Vielleicht malt er dein inneres Bild von dir selbst neu.
Nicht mehr nur hell. Nicht mehr nur dunkel.
Sondern mit beidem. Und du sitzt auf der Bettkante, streichst dir durch die grauen Haare und schaust auf den Holzboden. Das ist kein Bild von Aufregung. Es ist ein Bild von jemandem, der zusieht, wie etwas in seiner Wohnung – und vielleicht in seiner Persönlichkeit – eine neue Gestalt annimmt.